Die Amateurfilmbewegung in Deutschland bis 1945

von Dirk Alt, Hannover

Von der Filmwissenschaft zumeist vernachlässigt, stellen Amateurfilme in der Gegenwart wie auch in der Vergangenheit einen mitunter faszinierenden Gegenentwurf zu den Produkten der Filmindustrie dar. Weitgehend frei von gestalterischen Konventionen und kommerziellen Zwängen, haben Filmamateure beachtenswerte Individualleistungen hervorgebracht, unabhängig von der Frage, ob ihre Werke den jeweils herrschenden Zeitgeist artikulieren oder ihm zuwiderlaufen. Aus dem Blickwinkel der historischen Forschung betrachtet, müssen jedoch auch all jene Filme bzw. sämtliches belichtetes Filmmaterial als Quelle Beachtung finden, deren Urheber unbelastet von künstlerischem Ehrgeiz ihr Lebensumfeld und ihre Lebensumstände mit der Filmkamera dokumentierten. Dass wir heute auf eine große Fülle privater Filmzeugnisse aus den Jahren vor 1945 zugreifen können, verdanken wir der Amateurfilmbewegung, die ab den 1920er Jahren als internationales Phänomen neben der industriellen Filmproduktion Gestalt annahm.

In den Anfangsjahren des Films bestand noch keine Trennung zwischen Berufs- und Amateurfilmern; Film war experimental und behelfsmäßig, die Motive die naheliegendsten: Straßenszenen, Familienangehörige. Dies änderte sich mit der Professionalisierung des Films und der Herausbildung der Filmindustrie nach 1900: Die werdende Wirtschaftsmacht Film stützte sich zunehmend auf ausgefeilte Technik und Logistik, kollektive künstlerische Leistungen, massenhafte Reproduzierbarkeit ihrer Produkte und nationale und internationale Vertriebssysteme, zu denen der filmbegeisterte Einzelne keinen Zugang hatte.
Dass handwerkliche Begabung, Erfindungsreichtum und Experimentier-freude zu dieser Zeit notwendigerweise zu den Eigenschaften des Privat-Filmschaffenden gehörten, beschreiben die Erinnerungen des Schmalfilmliebhabers und Fachautors Hellmuth Lange aus der Zeit um 1914:

„Schon während der Schulzeit gaben wir richtige Filmvorführungen und zwar in unserer Küche, wobei die weißgestrichene Wand die Filmleinwand ersetzte. Unser Filmprogramm bestand aus sogenannter Meterware, die in den Spielwarenabteilungen der Warenhäuser zu haben war, und ein beliebtes Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk für uns darstellte. Der Meter kostete um 5 Pfennig herum und zehn Meter waren schon eine fürstliche Gabe. Natürlich waren uns diese Filme zu kurz und so bauten wir aus mehreren solcher Röllchen eine Art von Reportage zusammen. Filmkitt und Filmkleben waren für uns natürlich unbekannte Dinge und in Ermangelung jeglicher Erfahrung nähten wir einfach die Filmenden mit schwarzem Zwirn zusammen. Das hielt ganz gut, wenn man an den Übergangsstellen etwas langsamer drehte und den Ruck, den es dann jedesmal auf der ‚Leinwand’ gab, nahm das Publikum geduldig in Kauf.” (1)

Der Aufstieg des Schmalfilms

Der Schmalfilm erlebte seine Geburt im Jahr 1898, als der britische Filmpionier Birt Acres in London seinen 17,5 mm-Film (Negativ-Positiv) mit zugehörigem Aufnahme- und Projektionsgerät (Birtac) präsentierte. Die Halbierung des sich als Kinostandard herausbildenden 35 mm-Films sollte die Materialkosten für den Verbraucher soweit senken, dass das private Filmen für breitere Bevölkerungsschichten attraktiv wurde. In Deutschland gewann der 17,5 mm-Schmalfilm eine gewisse Verbreitung durch die Kamerafabrik Heinrich Ernemanns, die 1902 die Schmalfilmkamera „Ernemann Kino I” für den mittig perforierten Ernemann-Einlochfilm auf den Markt brachte. Nachdem Ernemann jedoch im Jahr 1908 die Produktion eingestellt hatte, blieben in den Folgejahren sämtliche Versuche erfolglos, das Format wiederzubeleben; die Amateure der 1910er Jahre drehten daher überwiegend auf 35 mm.
Eine weitere Popularisierung des Amateurfilms bewirkte erst das Aufkommen des Umkehrfilms und neuer Schmalfilmformate zu Beginn der 20er Jahre. Der 9,5 mm-Schmalfilm der französischen Firma Pathé (1921), dessen Mittelperforation noch auf den Ernemann-Einlochfilm zurückging, wurde sowohl als Umkehr- wie auch als Negativfilm konfektioniert. Dank der mit Federmotor betriebenen Handkamera Pathé-Baby entwickelte sich das Format zum Verkaufsschlager in Frankreich. In Deutschland erfolgte der Vertrieb ab 1926 durch die Firma Pathex in Düsseldorf. (2)
Aufgrund der niedrigen Preislage auch bei deutschen Amateuren beliebt, in der Qualität jedoch umstritten, fasste der 9,5-mm-Film 131 Bilder pro Meter und erreichte ein ähnlich hohes Auflösungsvermögen wie der 16-mm-Film (132 Bilder / Meter, Randperforation, ausschließlich Umkehrfilm), den die amerikanische Eastman Kodak Company im Jahr 1923 kommerzialisierte. Entscheidend begünstigt wurde die Verbreitung der Schmalfilmformate durch die Tatsache, dass nicht das leichtentzündliche Nitrozellulose-Material des Kinofilms, sondern der schwerer entflammbare Sicherheitsfilm aus Zelluloseazetat verwendet wurde, somit die Lagerung privater Filmsammlungen auf Dachböden und in Kellern kein unkontrollierbares Brandrisiko mehr nach sich zog. Der 8-mm-Film schließlich (Einfach-8 / Doppel-8), der im Jahr 1932 als besonders preisgünstiges Format von der Kodak eingeführt wurde, richtete sich an den anspruchsloseren Amateur, gewann als Heimkinoformat für kleine Projektionsgrößen aber rasch große Beliebtheit. Da sich die zugehörigen Kameras wie die Cine-Kodak-8 aufgrund ihrer handlichen Größe komfortabel transportieren ließen, stellte sich 8-mm als das ideale Format für filmische Schnappschüsse dar.

Kodak-8-mm-Kamera

Kodak-8-mm-Kamera

Zeiss-Ikon Movikon 16 mm Spulen-Kamera

Zeiss-Ikon Movikon 16 mm Spulen-Kamera

Bolex H 16-mm mit Revolverkopf

Bolex H 16-mm mit Revolverkopf

Ton und Farbe

Während der Kinofilm 1929/30 den Übergang zum Tonfilm vollzog, blieb der Amateurfilm – von wenigen experimentellen Ausnahmen abgesehen – stumm und bewahrte sich, besonders auffällig bei Spielhandlungen, die gestalterische Nähe zum Stummfilmkino. Zwar hatte es seit den späten 20er Jahren Bestrebungen gegeben, auch dem Amateurfilm den Ton zu erschließen, wobei vor allem die Aufnahme mittels Nadelton über eine Koppelung von Kamera und Grammophon praktische Erfolge erzielt hatte, jedoch war die breitere Einführung dieses Verfahrens in die Amateurkinematographie an ihrer Kompliziertheit und den hohen Kosten gescheitert. Die Aufbringung eines Lichttonstreifens auf den nicht-perforierten Rand von 16-mm-Filmen, wie sie ab 1934 praktiziert wurde, war für die Tonaufnahme durch den Filmamateur ungeeignet; sie diente ausschließlich als Abspielmedium und wurde genutzt, um Wochenschauen, Kulturfilme und Spielfilmausschnitte auf 16-mm verkleinert auch für den Heimkinogebrauch zu vertreiben. Der gesprochene Begleitvortrag und die musikalische Untermalung mittels Schallplatten stellten daher die gebräuchlichsten Möglichkeiten für den Amateur dar, seine Aufnahmen einem öffentlichen Publikum zu vermitteln.

Auf einem anderen technischen Feld, dem des Farbfilms, war der Amateur- dagegen dem Profilfilm ab Mitte der 30er Jahre voraus: Schon 1929 hatte der ein Jahr zuvor von der Kodak kommerzialisierte Linsenrasterschmalfilm Kodacolor den deutschen Markt erreicht und den Amateuren ermöglicht, unter Vorschaltung eines dreifarbigen Filters Farbaufnahmen auf dem speziell gerasterten Schwarz-Weiß-Material zu drehen. Obwohl auch die Agfa 1932 einen eigenen Linsenrasterschmalfilm herausbrachte, erschlossen erst die 1936/37 folgenden subtraktiven Dreischichtenfilme Kodachrome und Agfacolor-Neu den Film- (wie auch den Foto-)Amateuren in großem Umfang das Gebiet der farbigen Bildgestaltung: Im Gegensatz zum komplizierten Linsenrasterverfahren erhielten die Amateure nun aus den Umkehranstalten von Kodak bzw. Agfa naturfarbige Positive zurück, die mit jedem Projektor ohne spezielles Zubehör vorführbar waren.

 

Der Bund der Film-Amateure

Bereits Mitte der 20er Jahre hatten sich Amateurfilmer in lokalen Clubs und Vereinen zusammengeschlossen. In Berlin wurde am 4. Juni 1927 als Dachverband der Bund der Film-Amateure (BDFA, heute: Bund deutscher Film-Autoren) gegründet. Als früheste Ortsgruppen schlossen sich die Amateurfilmclubs Frankfurt am Main und Hamburg an den BDFA an. Erster Präsident (bis 1935) war Joachim Graßmann, der außerdem der Deutschen Kinotechnischen Gesellschaft (DKG) vorstand. Ihm folgten zwischen 1931 und 1933 der Berliner Regisseur und Berufsfilmer Kurt Skalden, zwischen 1933 und 1935 Friedrich Zipfel und 1935 -1945 Reichskultursenator Karl Melzer.
Der Aufbau des Vereins ging in den ersten Jahren seines Bestehens nur langsam vor sich. Während sich noch 1930 die Mitgliederzahl auf nur 200 Personen belief, soll sie sich im Jahr 1932 um mehr als 50 Prozent erhöht haben: auf insgesamt 400, nach anderen Quellen fast 600 Personen. (3) In der Zeitschrift Film für Alle wurde im Rückblick auf 1932 festgestellt: „An rund 20 Orten des Deutschen Reiches finden regelmäßige Versammlungs- und Ausbildungsabende statt, die insgesamt von 3000 bis 4000 Personen monatlich besucht werden. So hat der Bund festen Fuß unter deutschen Filmamateuren gefasst, und es steht für das Jahr 1933 ein weiterer Anstieg bevor. Der Bund hat Ortsgruppen in Berlin, Frankfurt (Main), Köln, Hamburg, Ludwigshafen, Halle, Magdeburg usw. In anderen Orten beginnen sich die Amateure mit Unterstützung des Bundes zusammenzuschließen.” (4) Tatsächlich führten Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zum Jahreswechsel 1932/33 zu einer Austrittswelle und einem Mitgliederbestand von zeitweilig nur noch 100 Personen. Mit der Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse setzte dann jedoch ein stetiger Zulauf ein; 1936 wurde erstmals die Grenze von 1000 Mitgliedern überschritten. Mitte der 30er setzten sich die BDFA-Mitglieder aus den folgenden Berufsgruppen zusammen:

Kaufmännische Angestellte: 22 %
Selbstständige Kaufleute: 19 %
Ingenieure, Chemiker, technische Angestellte: 18 %
Rechtsanwälte, Ärzte: 13 %
Handwerker: 7 %
Beamte: 7 %
Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Architekten: 5 %
Lehrer: 4 %
Studenten, Schüler: 3 %
Geistliche: 1 %
Landwirte: 1 %

(6)

Nach der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 übernahm der BDFA auch sein österreichisches Pendant, den Klub der Kinoamateure Österreichs (KdKÖ), der 1927 von Carl M. Kotlik in Wien gegründet worden war und in den 30er Jahren äußerst rege Aktivitäten entwickelt hatte.

Friedrich Zipfel, Vorsitzender des BDFA 1933-1935

Friedrich Zipfel, Vorsitzender des BDFA 1933-1935

Karl Melzer, Vorsitzender des BDFA 1935-1945

Karl Melzer, Vorsitzender des BDFA 1935-1945

Hanns Plaumann, Geschäftsführer des BDFA 1933-1945

Hanns Plaumann, Geschäftsführer des BDFA 1933-1945

Steigende Mitgliederzahlen und erfolgreiche Beteiligung auch an internationalen Amateurfilmwettbewerben stärkten das Selbstbewusstsein des BDFA und seiner Vertreter. BDFA-Geschäftsführer Hanns Plaumann sah den Amateurfilm dabei nicht in einer materiellen, sondern in einer ideellen Konkurrenz zur Filmindustrie, und dies vor allem in Bezug auf dokumentarische Filmthemen: „Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und England, wo der Amateurfilm bereits sehr stark entwickelt ist, findet man eine ausgesprochene Neigung unter den Amateuren, dokumentarische Filme von den heimischen Sitten, der Landschaft und von einzelnen handwerklichen Künsten herzustellen, die oft sehr interessante und aufschlußreiche Berichte geben und leider fast gar nicht die Möglichkeit haben, irgendwo öffentlich gezeigt zu werden.” Der internationale Austausch besonders gelungener Filme könnte, so Plaumann, völkerverständigende Wirkung haben. In dem „gelegentliche[n] Einlass von Amateurfilmen in das Programm der Lichtspieltheater” sah der BDFA-Geschäftsführer nicht nur eine „wertvolle Bereicherung des Beiprogramms”, sie sollten vor allem der Filmindustrie neue gestalterische Impulse geben. (7) Im Verhältnis war die Zahl der Amateurfilme, die einen größeren Bekanntheitsgrad erreichten, jedoch ebenso gering wie die der Amateure, denen der öffentliche Erfolg ihrer Filme den Sprung ins professionelle Filmgeschäft ermöglichte. Als Beispiel wäre der Dresdener Zuckerbäcker Richard Groschopp zu nennen, der die beiden mehrfach prämierten Schmalfilme „Eine kleine Königstragödie” (1935) und „Bommerli” (1936) vorlegte. Neben einem ersten Platz beim V. Internationalen Amateurfilm-Wettbewerb 1936 erhielt „Bommerli” einen zweiten Platz auf dem Schmalfilm-Wettbewerb im Rahmen der Biennale in Venedig des gleichen Jahres und damit gleich zwei Mal in Folge internationale Anerkennung. Durch Auftragsarbeiten für die Reichsstelle für den Unterrichtsfilm gelangte Groschopp zum Berufsfilm und zum Dresdener Kulturfilmhersteller Boehner-Film, für den er 1942 sogar den 35-mm-Agfacolorfilm „Kleine Elsaßfahrt” drehte – einen der wenigen nicht-Ufa-produzierten Landschaftsfilme in Farbe, die während des Krieges über die Leinwände liefen.

Gleichschaltung und politische Instrumentalisierung des BDFA durch den Nationalsozialismus

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung erfolgte die Neuausrichtung des BDFA unter ideologischen Gesichtspunkten, die sich 1935 in der Umbenennung in „Bund deutscher Filmamateure” ausdrückte. Um das politische Ziel, die Herauslösung der Amateure „aus der Sphäre der privaten Liebhaberei” und ihre Eingliederung „in die Front des Kulturschaffens” (Hanns Plaumann) (8) zu erreichen, wurde der BDFA der direkten Kontrolle durch Staats- und Parteidienststellen unterstellt: Im Jahr 1937 existierten 27 Gauverbände des BDFA, deren Leitung in den meisten Fällen den Gaufilmstellenleitern der NSDAP übertragen war. Ausnahmen bildeten die BDFA-Verbände Hamburg-Osthannover, Düsseldorf-Essen, Baden und Nordbayern, die den jeweiligen Landesbildstellenleitern unterstanden. In Württemberg oblag die Leitung dem Bezirksbeauftragten der Reichsfilmkammer. (9)
Diese Organisation zog zwangsläufig eine starke Heranführung des BDFA an die Gliederungen der Partei nach sich (etwa durch eine BDFA-Mitgliedschaftsermäßigung für die Hitlerjugend und die Einbindung in die Jugendfilmarbeit). Neuen Mitgliedern bot der BDFA Schulung, Logistik und ein Forum für die eigenen Werke. Projekte, die sich im Alleingang nicht verwirklichen ließen, konnten gemeinschaftlich und mit der wohlwollenden Unterstützung von Ämtern und Behörden in Angriff genommen werden – zumal, wenn es sich um politisch konforme Filmprojekte handelte, wie etwa den von der Arbeitsgruppe Braunschweig gedrehten Film „Eine Frau steht ihren Mann” (Regie: Hellmuth Lange, Kamera: Erich Schau), der den Einsatz einer Frau als Straßenbahnschaffnerin im ersten Kriegsjahr zum Thema hatte.

Hellmuth Lange und Erich Schau vom BDFA Braunschweig bei den Dreharbeiten zu Eine Frau steht ihren Mann

Hellmuth Lange und Erich Schau vom BDFA Braunschweig bei den Dreharbeiten zu Eine Frau steht ihren Mann

Hellmuth Lange und Erich Schau vom BDFA Braunschweig bei den Dreharbeiten zu Eine Frau steht ihren Mann

Hellmuth Lange und Erich Schau vom BDFA Braunschweig bei den Dreharbeiten zu Eine Frau steht ihren Mann

Vereinzelt erhielten Amateure und Ortsgruppen auch staatspolitische Filmaufträge, z. B. ein Parteigenosse namens Kuhse, der im Auftrag der Reichsleitung der Deutschen Arbeitsfront einen Farbschmalfilm über den Kongress für Freizeit und Erholung im Juli 1937 drehte, der später durch die Organisation Freude und Arbeit der DAF zur Aufführung gebracht werden sollte. (10) Der heute wohl bekannteste Filmauftrag des BDFA stellen die oft gezeigten Farbaufnahmen des Festzuges zum Tag der Deutschen Kunst 1939 in München dar, die von der BDFA-Arbeitsgruppe München unter Gaufilmstellen- und Arbeitsgruppenleiter Böttcher für Archivzwecke gedreht wurden.
Die politische Instrumentalisierung des BDFA kam in den programmatischen Schriften und Äußerungen seiner Vertreter offen zum Ausdruck. Hanns Plaumann ließ etwa am Schmalfilmtag der Kulturfilmwoche in München im Juli 1940 verlauten, es käme „der Bundesführung darauf an, das Interesse auf Gebiete zu lenken, deren Bearbeitung die Aufgaben bestimmter Dienststellen wie der Reichspropagandaleitung der NSDAP, des Rassenpolitischen Amtes, des Reichsausschusses für Fremdenverkehr, der Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, des Reichssportführers u. a. unterstützt. Diese Beeinflussung geschehe sowohl durch den Nationalen Amateurfilm-Wettbewerb, als auch durch direkte Beauftragung von Arbeitsgruppen und einzelnen Amateuren mit einmaligen Sonderaufgaben.” (11)

Die öffentliche Vorführung von Privatfilmen nonkonformistischen Inhalts war seit 1933 durch Zensurmaßnahmen wirksam unterbunden worden. Zwar waren Amateurfilme vom Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933 (Organisationszwang aller gewerblichen Filmschaffenden) ausgenommen. Wollten sie ihre Filme aber einem größeren Personenkreis vorführen, mussten sie diese der Zensur vorlegen: Bei einmaliger Vorführung genügte die Prüfung durch die zuständige Ortspolizei; bei mehrfacher Vorführung an verschiedenen Orten war die eine Prüfung durch die Filmprüfstelle (Reichszensur) erforderlich. Dieser Prüfung ging ein Antrag auf Anerkennung als deutscher Film bei der Kontingentstelle in Berlin SW 68 voraus, bei der auch der Nachweis arischer Abstammung eingefordert wurde. Im Falle der Prädikatisierung (etwa als künstlerisch wertvoll oder volksbildend) wurden die Prüfgebühren teilweise oder ganz erstattet. Ausgenommen von der Prüfpflicht waren Vorführungen in Forschungs- und Bildungsstätten, als welche auch die Arbeits- und Vorführräume der BDFA-Ortsgruppen anerkannt wurden.

Nichts wäre jedoch verfehlter, als aus der politisch-ideologischen Vereinnahmung des BDFA Schlüsse für den Amateurfilm als solchen abzuleiten: 1935 äußerte Hanns Plaumann die Hoffnung, der BDFA könnte noch im laufenden Jahr eine Mitgliederzahl von 1.000 Personen erreichen; Schätzungen zufolge waren zu diesem Zeitpunkt aber ca. 16.000 Schmalfilmer in Deutschland aktiv, sodass die im BDFA zusammengefasste Gruppe nicht einmal ein Sechstel davon ausmachte. (12) Und noch zum Jahreswechsel 1941/42 räumte Plaumann ein, dass „nach wie vor immer nur ein Teil der Amateure in der Organisation zusammengeschlossen sein” wird, „während der weitaus größere Teil ‚wild’ filmt.” (13) Dieser Teil war demnach weder der „politischen Beeinflussung” noch der Kontrolle in den Kreisen des BDFA ausgesetzt, und musste sich, solange keine öffentliche Vorführung geplant war, auch nicht der Zensur unterwerfen.

Nationale und internationale Wettbewerbe

Das nationale Wettbewerbswesen stellte ein wichtiges Mittel zur politischen Lenkung des Amateurfilms dar. Beginnend im Jahr 1935 wurde ein jährlicher reichsweiter Wettbewerb ins Leben gerufen, der zugleich als Ausscheidungskampf für die Teilnehmerfilme des ebenfalls jährlich stattfindenden Internationalen Amateurfilmwettbewerbs diente.
Die eingesandten Filme wurden in (von Wettbewerb zu Wettbewerb variierende) Kategorien differenziert, von denen im Rahmen des II. Nationalen Amateurfilmwettbewerbs immerhin sieben bestanden: Spielfilme, dokumentarische und wissenschaftliche Filme, Filme von Reisen und Ausflügen, Trickfilme und sonstige Filme, Farbfilme, Tonfilme. Daneben schrieb die Reichsvereinigung deutscher Lichtspielstellen, Kultur- und Werbefilmhersteller e.V. einen Sonderwettbewerb „Filme von deutschen Sitten und Gebräuchen” aus, und es existierte – passend zum Olympiajahr – ein Sportfilmwettbewerb, bei dem erstmalig Berufs- und Amateurfilmer miteinander konkurrieren konnten. Die Höchstlänge der einzusenden Filme war mit 240 Metern veranschlagt, was bei 16-mm einer Laufzeit von 20 Minuten entsprach. Nachdem zum ersten Wettbewerb 1935 bescheidene 26 Filme (davon 19 im 16-, vier im 9,5- und drei im 8-mm-Format) eingesandt worden waren, (14) steigerte sich die Zahl 1936 auf 90 Schmalfilme mit insgesamt 7.000 Metern. (15) Beim Wettbewerb des Folgejahres waren es 108 Teilnehmerfilme mit einer Gesamtlänge von 11.000 Metern und 1939 schließlich 110 Filme, wobei der thematische Schwerpunkt stets im nichtfiktionalen Bereich lag und Spiel- sowie Trickfilme die Randgruppen darstellten. Zwischen 1937 und 1938 erhöhte sich allmählich auch die Zahl der eingesandten Farbfilme, die jedoch erst 1939 und besonders in den beiden Kriegswettbewerben 1940 und 1941 als ernstzunehmende Größe hervortraten.

Nicht zuletzt zur Förderung politisch gewünschter Inhalte wurde eine Reihe von Preisen gestiftet, 1937 etwa
- vom Reichserziehungsministerium für den besten wissenschaftlichen Film,
- von der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm für Filme von deutschen Sitten und Gebräuchen,
- vom Reichssportführer für Sportfilme
- vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP für Familienfilme,
- vom Reichsausschuss für Fremdenverkehr für Reisefilme,
- von der BDFA-Zeitschrift Film für Alle für absolute und abstrakte Filme,
- von der Deutschen Kinotechnischen Gesellschaft (DKG) für die beste technische Leistung,
- von der Reichsfilmkammer für den besten dokumentarischen Film,
- ein Sonderpreis für den Amateurfilm eines Berufsfilmers
- und ein Preis für einen staatspolitischen Film.

In der nachfolgenden Aufstellung sind die prämierten Filme der Vorkriegsjahre nach der ursprünglichen Kategorisierung innerhalb der Wettbewerbe geordnet.

Da die Auflösung der Bilder durch den Umfangreichen Inhalt der Auflistung den Rahmen dieser Internetseite sprengen würde, bieten wir diese Grafiken als Download an:

Vorkriegswettbewerbe, Kriegswettbewerbe 1940, Internationale Amateurfilm-Wettbewerbe

Ausgehend von Belgien fanden zwischen 1931 und 1939 internationale Amateurfilmwettbewerbe mit wechselnden Austragungsorten statt. Zwar beschränkte sich diese Wettbewerbsreihe, an der sich der BDFA 1932 erstmals beteiligte, schwerpunktmäßig auf Europa; seltener waren aber auch Filme z. B. amerikanischer und japanischer Amateure vertreten.
Nachdem das schlechte deutsche Abschneiden auf dem III. Internationalen Amateurfilm-Wettbewerb 1933 noch damit begründet wurde, dass der BDFA „durch die notwendig gewordene Umorganisation stark behindert war” (16), konnten die deutschen Amateure sich bei dem zwei Jahre später folgenden IV. Wettbewerb in Barcelona sprunghaft verbessern, indem sie nach den Franzosen den zweiten Platz in der Gesamtwertung erreichten. Beim V. Internationalen Amateurfilm-Wettbewerb 1936 in Berlin errang Deutschland schließlich den ersten Platz. Das Preisgericht setzte sich aus 28 Delegierten zusammen, darunter drei Deutsche. (17) 1937 und 1938 konnte der BDFA den ersten Platz erfolgreich gegen die starke Konkurrenz vor allem der Franzosen verteidigen.

Seit 1936 wurde der Wettbewerb von einem Internationalen Amateurfilm-Kongress begleitet, in dem die Deutschen maßgeblichen Einfluss ausübten: So nahmen am III. Internationalen Amateurfilmkongress 1938 in Paris insgesamt 90 Delegierte aus 15 Ländern teil; allein 23 davon gehörten der deutschen Delegation unter Karl Melzer an. Auf dem gleichen Kongress erfolgte die Gründung der Union internationale du cinéma d’amateur (UNICA, heute: Union internationale du cinéma), die in den Folgejahren ein internationales Amateurfilmarchiv aufbaute; 1939 stiftete der BDFA der UNICA Kopien sämtlicher deutscher Preisträgerfilme. Der internationale Austausch von Amateurfilmen, der eigentlich befördert werden sollte, konnte jedoch in größerem Umfang nie realisiert werden, und so wurden ausländische Amateurfilme in Deutschland nur gelegentlich, gegen Ende der 30er zunehmend seltener, durch den BDFA vorgeführt, z. B. im März 1935 der vom Völkischen Beobachter als „Neger-Groteske” geschmähte Film „Mr. Motorboat’s last stand” von John Flory-Neuyork. (18)

Plakat des Internationalen Amateurfilm-Kongresses in Wien 1938

Plakat des Internationalen Amateurfilm-Kongresses in Wien 1938

Plakat des Internationalen Amateurfilm-Kongress 1939 in Zürich

Plakat des Internationalen Amateurfilm-Kongress 1939 in Zürich

Der Kriegsbeginn erschwerte die Bemühungen um eine Vernetzung der europäischen Amateurfilmbewegung erheblich. In deutsch-italienisch-schwedisch-ungarischer Kooperation konnte 1940 als Ersatz für den „offiziellen” Internationalen Amateurfilmwettbewerb immerhin ein Vier-Nationen-Wettbewerb abgehalten werden, der von den Leistungen der deutschen Amateure dominiert wurde und dem im November des folgenden Jahres ein Wettbewerb des schwedischen Riksförbundet Sveriges Filmamatörer in Stockholm folgte. Es handelte sich hierbei um den ersten Wettbewerb, zu dem von deutscher Seite ausschließlich Farbfilm-Beiträge eingereicht wurden, im Einzelnen:
- „Herbstmosaik” und „Kleiner See” von Prof. Hanns Wagula, Graz,
- „Glück auf Schienen” von Walther Bever-Mohr, Schwelm / Westfalen,
- „Seeadler am Sammelplatz der Kraniche” von Eduard Ahlborn, Hildesheim.

Der Amateurfilm während des Krieges

Schon während der ersten Kriegsjahre litten die deutschen Amateure unter Beschaffungsschwierigkeiten von Geräten und zunehmend auch Filmmaterial. Nachdem sich der Zulauf neuer Mitglieder im Jahr 1940 gegenüber 1939 noch gesteigert hatte, konnte Ende 1941 immerhin festgestellt werden, dass das Niveau des Vorjahres 1941 gehalten worden war, was einer Mitgliederzunahme von nicht weniger als 30 Prozent entsprach. Mit der Gründung von 13 neuen Arbeitsgruppen, acht davon im Protektorat Böhmen und Mähren, konnte die Gesamtzahl der Arbeitsgruppen auf 61 erhöht werden. (19)
Diesem Zuwachs im Inneren standen jedoch die schwindenden Möglichkeiten nach außen gegenüber: Bis einschließlich 1942 konnte der BDFA das Vereinsleben noch mit öffentlichen Vorführungen und gemeinschaftlichen Filmprojekten aufrechthalten, dann setzten die totalen Kriegsmaßnahmen diesen Aktivitäten ein Ende. Gleiches galt für das Wettbewerbswesen, denn selbst 1942, als bereits kein nationaler Wettbewerb mehr stattfand, waren noch mehrere lokale Wettbewerbe abgehalten worden. Öffentlich traten die Amateure ab 1943 kaum noch in Erscheinung. Dafür diente der Mitgliederbestand des BDFA zunehmend als Reservoir, aus dem die Propagandakompanien der Wehrmacht Filmberichter für die Wochenschau rekrutierten.

Wo es trotz Rohfilmverknappung, Aufnahmeverboten und Gefahren möglich war, drehten Amateure während des Krieges zeithistorisch bedeutende Filmdokumente, von denen einige aufgrund ihrer wiederholten Verwendung in Film- und Fernsehdokumentationen längst Eingang ins kollektive Bildgedächtnis gefunden haben – wie die Farbaufnahmen des Hamburger Feuerwehrmanns Hans Brunswig, der den Feuersturm und die Verwüstung seiner Heimatstadt im Sommer 1943 festhielt. Dagegen brachten andere ihre Friedenssehnsucht in elegischen Natur- und Landschaftsstudien zum Ausdruck, am eindrucksvollsten vielleicht der Amateur und PK-Kameramann Götz Hirt-Reger mit seiner 1943 an der Ostfront gedrehten Farbfilm-Miniatur „Rings um eine Kirche”.

 

Literatur:

Kuball, Michael: Familienkino. Geschichte des Amateurfilms in Deutschland. Teil 1: 1900-1930. Teil 2: 1931-1960. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1980.

Roepke, Martina: Privat-Vorstellung. Heimkino in Deutschland vor 1945. Hildesheim: Olms 2006.

 

Quellennachweise:

(1) Lange, Hellmuth: Der neue Schmalfilmer. Berlin – Wien – Leipzig: Otto Elsner Verlagsgesellschaft 1941, S. 5.

(2) Vgl. Kuball, Michael: Familienkino. Geschichte des Amateurfilms in Deutschland. Teil 1: 1900-1930. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1980, S. 81 ff.

(3) Fast 600 Mitglieder Ende 1932 laut: Hier berichtet der BdFA. In: Film für Alle Nr. 01 / Januar 1933, S. 27. Höchststand über 400 Mitglieder laut Hanns Plaumann: Zehn Jahre BDFA. In: Film für Alle Nr. 6 / Juni 1937, S. 157.

(4) Hier berichtet der BdFA. In: Film für Alle Nr. 01 / Januar 1933, S. 27.

(5) Vgl. Hanns Plaumann: Zehn Jahre BDFA. In: Film für Alle Nr. 6 / Juni 1937, S. 157.

(6) Vgl. Hanns Plaumann: Der Bund Deutscher Filmamateure. In: Film für Alle Nr. 3 / März 1935, S. 79.

(7) Hanns Plaumann: Gehören Amateurfilme ins Kino? Völkischer Beobachter Nr. 125, 04.05.1936, S. 8.

(8) Hanns Plaumann: Der Amateurfilm marschiert. In: Völkischer Beobachter Nr. 307 vom 02.11.1936, S. 6.

(9) Vgl. Bei den Amateuren. Abschluß der Organisation. Dezentralisation der praktischen Arbeit. Film-Kurier Nr. 174, 29.07.1937.

(10) Vgl. Vom Hamburger Freizeitkongreß: Amateur dreht Farbenfilm. In: Film-Kurier Nr. 248, 25.10.1937.

(11) Abschluß der Münchner Kulturfilmwoche. Vorführung preisgekrönter Amateurfilme. In: Film-Kurier Nr. 177 vom 31.07.1940, S. 5.

(12) Vgl. Hanns Plaumann: Der Bund Deutscher Filmamateure. In: Film für Alle Nr. 3 / März 1935, S. 78.

(13) Hanns Plaumann: Deutscher Amateurfilm 1941. In: Film-Kurier Nr. 302 vom 24.12.1941, S. 3.

(14) Vgl. Der grosse Wettbewerb. In: Film für Alle Nr. 3 / März 1935, S. 72.

(15) Vgl. Die Ergebnisse des deutschen Amateurfilm-Wettbewerbes. In: Völkischer Beobachter Nr. 64, 04.03.1936, S. 6.

(16) Internationaler Filmwettbewerb für Amateure in Paris. In: Licht-Bild-Bühne Nr. 305 vom 29.12.1933.

(17) Vgl. Deutschland siegt im Internationalen Amateurfilm-Wettbewerb. Völkischer Beobachter Nr. 221, 29.07.1936, S. 10.

(18) Amateur-Film-Bund zeigt preisgekrönte Filme. Völkischer Beobachter Nr. 79, 19.03.1936, S. 6.

(19) Vgl. Hanns Plaumann: Deutscher Amateurfilm 1941. In: Film-Kurier Nr. 302 vom 24.12.1941, S. 3.

Bildnachweise:

Abbildungen 1-3, 7, 8 aus: Lange: Der neue Schmalfilmer, S. 31, 45, 56, 131.

Abbildungen 4-6 aus: Film für Alle Nr. 6 / Juni 1937, S. 159, 160.

Abbildung 9 aus: Film für Alle Nr. 8 / August 1938, S. 215.

Abbildung 10 aus: Film für Alle Nr. 7 / Juli 1939, S. 227.

3 Kommentare zu “Die Amateurfilmbewegung in Deutschland bis 1945”

  1. Can it be alright for you to post some of this specific on my small web site if I incorporate a reference to this web site?|

  2. Wolf-Hermann Otte sagt:

    ….bin 9,5mm Amateur und finde dieses Format als das flexibelste und beste aller
    Amateurformate. Ich filme heute noch mit dem Mittellochfilm, schneide mein
    Rohfilm selbst, entwickel es auch,und besitze das umfangsreichste 9,5mm Archiv in
    Deutschland. – Es gibt heute noch zwei 9,5mm Filmfestivals, eins jedes Jahr in
    Calella in Spanien und eins wechselnd dieses Jahr in Liverpool/England.
    Gebe gern weitere Auskünfte an Interessierte.

Kommentar schreiben

Kommentar