Münchhausen

Fotos: Sammlung Michael A. Krüger

Text: Dirk Alt

Michael A. Krüger präsentiert an dieser Stelle eine Übersicht und drei Bildbeispiele der Kinoaushangfotos zum dritten Ufa-Farbfilm Münchhausen (Regie: Josef von Baky, Uraufführung am 3. März 1943).

 

Gedreht zum 25jährigen Jubiläum der größten deutschen Filmgesellschaft Ufa, ist Münchhausen heute zum Symbol dieser Epoche des deutschen Filmschaffens geworden. Der Ritt des Titelhelden Hans Albers auf der Kanonenkugel, unzählige Male abgedruckt, ist die Ikone des damaligen Unterhaltungskinos: ihre Bekanntheit stellt selbst Hans Rühmanns Dauerbrenner Die Feuerzangenbowle (1943/44) in den Schatten.

Dabei ist Münchhausen überhaupt kein typischer Vertreter des sogenannten Ufa-Kinos, da der Film einen phantastischen Stoff behandelt. Das Genre der Phantastik lag jedoch in der NS-Zeit weitgehend brach und wurde von Autoren und Regisseuren auch aus ideologischen Gründen gemieden. NS-Filmpublizist Frank Maraun nahm etwa im Entstehungsjahr von Münchhausen mit Befriedigung zur Kenntnis, dass „romantische und phantastische Stoffe [...] völlig von der Leinwand verschwunden sind. Niemand mag heute solche Filme drehen und niemand mag sie sich anschauen. Wenn doch einmal aus Gewöhnung an die Vergangenheit ein Versuch dazu unternommen wird, so mißlingt er [...]. Es gibt keinen geistigen und vitalen Nährboden in der Lebenswirklichkeit mehr für solche Themen.” (1)

Was für ein Irrtum, wie Münchhausen eindrucksvoll beweisen sollte – dank seines geistreichen Drehbuchs (Erich Kästner), seiner opulenten Ausstattung, seiner Massenszenen, Spezialeffekte und natürlich der Farbe!

Münchhausen - Übersicht 1

Münchhausen - Übersicht 1

Münchhausen - Übersicht 2

Münchhausen - Übersicht 2

Münchhausen war von Anfang als ein Prestigefilm geplant, der sich mit den Großproduktionen Hollywoods messen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden für den letztlich 5,6 Millionen Reichsmark teuren (2) Film keine Mühen gescheut. Die Architekten Emil Hasler und Otto Gülstorff lieferten für Münchhausen 600 Baukomplexe, 2500 Entwürfe und Zeichnungen und 30 Modelle. Allein 40 Entwürfe waren für die Ausgestaltung des Thronsaals der Kaiserin Katharina II. (dargestellt von Brigitte Horney) erforderlich. (3) Ein Redakteur des Film-Kurier, der den Dreh der hier spielenden Szene beobachtete, stellte fest, die Hasler und Gülstorff hätten „einen großartigen Bau ins Atelier gezaubert, mit imponierendem Tafelprunk und einprägsamen Wandgemälden”. Er berichtete weiter: „Es herrschte an diesem Aufnahmetage eine recht sommerliche Wärme. In der Halle mit ihren vielen Komparsen war die Temperatur noch um einige Grade höher. Während der Drehzeit taten die Scheinwerfer und die vielen hundert Kerzen auf der Tafel und an den Wänden ein übriges, um die Festversammelten die Bürde ihrer Staatsgewänder fühlen zu lassen. Hans Albers verriet uns, daß sein brillantenübersäter Rock mit allem Zubehör, von den mächtigen Stiefeln bis zum federgeschmückten Dreispitz, an die neunzig Pfund wiegt. Diese Last viele Stunden mit sich herumzuschleppen und bis zum Abend nichts von dem filmerwünscht sieghaft federnden Schritt einzubüßen, dazu gehört schon einiges. [...] Den Requisiteuren hat der Film reiche Arbeit bereitet. [...] Den Lesern sei verraten, daß die Dekoration echter als echt ist – das Silber ebenso wie die schmückenden Kronen. Als man anerkennend einen Löffel in der Hand wiegt und sich in Gedanken vorstellt, bei wievielen prunkvollen Banketten er schon Zeuge war und was er zusammen mit dem Geschirr [...] erzählen könnte, meint [Hubert von] Meyerinck mit der unschuldigsten Miene der Welt, daß die kostümierte Dienerschaft zu einem guten Teil aus – Kriminalpolizisten bestehe. Vielen, vielen Dank für die gutgemeinte Warnung!” (4)

Mit Hans Albers und Ilse Werner hatte die Ufa zwei Publikumslieblinge des deutschen Films verpflichtet, die auch in ihrem darauffolgenden Farbfilm Große Freiheit Nr. 7 (1943/44, Regie: Helmut Käutner) gemeinsam vor der Kamera stehen sollten. In einer glänzenden Nebenrolle als charismatischer Schurke Cagliostro war Ferdinand Marian zu sehen, der heute vor allem aufgrund der Titelrolle in Veit Harlans Propagandafilm Jud Süß (1940) erinnert wird.

Die spektakulärste Außenaufnahme des Films drehte der Ufa-Stab in Venedig, wo Werner Krien seine Kamera von der Accademia-Brücke auf den Canale Grande richtete und die für den Film festlich geschmückten Gondeln aufnahm: „Mit roten Schärpen und rotseidenen Kopftüchern waren die schwarz gekleideten Gondolieri geschmückt, und duftige Rokokotrachten trugen die Insassen ihrer schlanken Bootssicheln. Aus den Fenster der filigranartig durchbrochenen gotischen Palastfassaden hingen kostbare Teppiche und von den Balkonen winkten und jubelten bunte Karnevalsgestalten. [...] Der Regisseur Josef von Baky [...] ließ über Lautsprecher in italienischer Übersetzung durch den Schauspieler Angelo Ferrari den Gondelführern seine besonderen Wünsche mitteilen, streute eigenhändig über das Kameraauge aus einer Tüte Konfettiregen und lenkte die beiden auf der anderen Brücke und auf der gegenüberliegenden Seite aufgestellten Kameras auf besonders reizvolle Motive, währenddessen der tricktechnische Leiter des Films, H. Irmen-Tschet, in Karnevalstracht inmitten der Gondelflotte mitfuhr, um Nahaufnahmen von den rudernden Gondolieri und den verliebten Paaren zu machen.” (5)

Als Münchhausen im März 1943 seine Berliner Uraufführung erlebte, betrug seine Länge 3662 Meter / 134 Minuten. Aus Gründen der Materialersparnis wurde der Film unmittelbar danach auf eine Länge von 3225 Meter / 118 Minuten gekürzt. In der Nachkriegszeit erfolgten weitere Kürzungen; zum Teil konnten inzwischen die lange Zeit fehlenden Filmteile wieder eingefügt werden. Verschollen bleibt jedoch eine Reihe von Szenen, darunter der Besuch Münchhausens im Braunschweiger Hoftheater (Abbildung oben).

In dankenswerter Detailtreue wurden Abweichungen zwischen dem Drehbuch (Friedrich Wilhelm Murnau-Stiftung) und der erhaltenen Filmfassung im Kommentar zur Erich-Kästner-Werkausgabe protokolliert (Band 5: Trojanische Esel, 1998). Hieraus ergibt sich, dass in der heute zirkulierenden Fassung ein langer Szenenblock (Einstellungen 107-140) fehlt, der sich in zwei Abschnitte unterteilen lässt. Der erste Teil spielt am Hoftheater in Braunschweig, wo Münchhausen das heimliche Liebespaar Louise La Tour und Herzog Karl von Braunschweig der Lächerlichkeit preisgibt, um damit dem liebeskranken Prinzen Anton Ulrich einen Dienst zu erweisen. Der zweite beinhaltet eine in sich geschlossene Episode während der Reise des Barons und seines Dieners nach Petersburg: Als sie in einer Winternacht gezwungen sind, im Freien zu campieren, stellt sich nach Schmelzen des Schnees heraus, dass Münchhausen sein Pferd unwissentlich an einer Kirchturmspitze festgebunden hat. (6) – Die bis heute nicht wiederhergestellte Premierenfassung dürfte beide Szenen noch enthalten haben.

(1) Frank Maraun: Kamera an der Front. In: Nationalsozialistische Monatshefte Nr. 06 / 1942, S. 371-372.

(2) BArch, R 109 I, 1483, undatierte Aufstellung über die Herstellungskosten der deutschen Farbspielfilme.

(3) Vgl. Heinrich Miltner: Gespräch mit Emil Hasler und Otto Gülstorff. Die Bauten zum „Münchhausen”-Film. In: Film-Kurier Nr. 168 vom 21.07.1942, S. 4.

(4) Münchhausen und Katharina. Unverhoffte Begegnung in dem neuen Ufa-Farbenfilm. In: Film-Kurier Nr. 162 vom 14.07.1942, S. 3.

(5) Münchhausens Abenteuer in der Lagunenstadt. In: Film-Kurier Nr. 222 vom 22.09.1942, S. 4.

(6) Siehe hierzu die von Franz Josef Görtz editierten Werke Erich Kästners, Band 5: Trojanische Esel. Theater, Hörspiel, Film. Hrsg. von Thomas Anz. München, Wien: Hanser 1998, S. 126-142. Zum Vergleich zwischen Drehbuch und Film: S. 799-812.

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Aushangfoto 27

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Aushangfoto 38

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Aushangfoto Nr. 20

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