Aushangfotos und Verleihmaterial. Dokumente des deutschen Farbkinofilms bis 1945.

Von Michael A. Krüger, Hamburg

Die Premiere des ersten deutschen Farbspielfilmes jährt sich im Oktober 2011 zum 70. Mal. In den seitdem vergangenen Jahrzehnten hat sich die technische Qualität des Kinofilms exorbitant verbessert, mittlerweile geht man immer mehr dazu über, das Bild auf der Leinwand digital zu projizieren. Mit dem Anbruch des digitalen Zeitalters wird der über 100 Jahre alte „analoge” Kinofilm mehr und mehr verdrängt.

Das im letzten Jahr erschienene Buch „Ufa in Farbe – Technik, Politik und Starkult 1936-1945″ ermöglicht es, auf die ersten Jahre des jungen Farbfilms in Deutschland zurückzublicken und Charme und Flair der ersten farbigen Spielfilme nachzuempfinden. Seltsamerweise brauchte es fast ein Dreivierteljahrhundert, bis ein solches Buch entstand. Der Grund liegt vielleicht in einer größeren Zurückhaltung gegenüber dem Kino im Nationalsozialismus und in den vielen Vorurteilen, die durch falsche Überlieferung, Unwissen und Arroganz der Filmjournalisten/-Forscher genährt werden.

Auch ist es kaum mehr möglich, sich aus eigener Anschauung einen Überblick über die damalige Filmproduktion zu verschaffen, denn weder in den Kinos noch im TV oder auf dem DVD-Markt geht das Angebot über Die Feurzangenbowle oder Metropolis hinaus. Zwar sind in den letzten 10 Jahren eine ganze Reihe DVDs mit Spielfilmen aus den Jahren 33-45 erschienen, doch handelt es sich darum nur um die beliebtesten” Filme mit den immer noch zugkräftigen Namen wie Rühmann, Leander, Albers oder Rökk. Zur allgemeinen Verfügung steht von den über 1000 zwischen 1933 und 1945 realisierten Spielfilmen also nur ein geringer Teil. Ähnlich sieht es auch mit den 13 bis 1945 realisierten Farbfilmen aus.

Immerhin etwa die Hälfte davon ist auf DVD momentan erhältlich, die Qualität ist teils sehr unterschiedlich:

Der erste Farbfilm Frauen sind doch bessere Diplomaten wurde nach längerer Materialrecherche von der Murnau-Stiftung aus verschiedenen Positiven (das Negativ gilt als verloren) zusammengesetzt, Bild und Ton digital restauriert. Das Ergebnis ist höchst zufriedenstellend – der Ton sehr klar und sehr fein entrauscht”, das Bild wurde, in Hinblick auf heutige Sehgewohnheiten, nicht ganz im alten Agfacolor belassen.

Anders verhält es sich beim zweiten farbigen Film, dem ersten von vier des Regisseurs Veit Harlan: Die goldene Stadt. Bei der von der Murnau-Stiftung für die DVD-Veröffentlichung zur Verfügung gestellte Kopie handelt es sich um die nicht restaurierte Verleihfassung der damaligen “Gloria”-Film, in der der Film 1953 in gekürzter Form wiederaufgeführt wurde. Die Farben sind schwankend und unecht, das Bild sehr “körnig”. Ob die Ur-Fassung noch existiert, oder sogar das Negativ, ist leider nicht bekannt.

Im Falle von Münchhausen wurde viel Aufwand betrieben, da es sich für Murnau-Stiftung und Transit Film sich um ein Prestigeobjekt” handelte. Ende der 1990er Jahre, nach langer Materialrecherche, konnte aus verschiedenen Fassungen, einem in Ostdeutschland lagernden Negativ und aus 3-Farb-Auszügen (ähnlich dem Technicolor-Verfahren) eine recht gute Version rekonstruiert werden, die der Kinoversion von 1943 entspricht. Die Farben sind gut, wenn auch immer noch schwankend, der Ton relativ gut digitalisiert, jedoch wurden, wie so oft überambitioniert, die Höhen stark beschnitten, sodass das Klangbild zu dumpf wirkt – ein Fehler, der bei alten Filmen fast immer begangen wird. Die Premierenfassung, etwa 15 Minuten länger, konnte nicht wieder hergestellt werden, da das fehlende Material als verschollen gilt.

Die DVD des großen Revue-Films Die Frau meiner Träume wurde 2003 in einer von der Degeto (ARD) restaurierten Fassung im TV ausgestrahlt, jedoch hat man dazu die anscheinend einzig greifbare Kopie herangezogen, da der Vorspann nicht original war und die Farb- und Tonqualität sehr zu wünschen ließen. Herausgekommen ist eine dürftige Version, die allenfalls erahnen läßt, wie das Original einmal ausgesehen haben mag.

2006 jedoch wurde eine Fassung im TV ausgestrahlt, welche die Murnau-Stiftung von einem in Russland lagernden Negativ ziehen ließ. Von diesem Negativ scheinen alle in den letzten 50 Jahren kursierenden Kopien zu stammen, da sie übereinstimmende Fehler, Sprünge und Schnitte aufweisen. In der Bild- und Tonqualität fiel diese Fassung jedoch um Längen besser als das herkömmliche Material aus. Der Ton ist sehr klar (die Höhen wie immer etwas zu stark beschnitten), das Bild sauber und zum Ende hin immer besser in den Farben. Jedoch fehlt zum nun originalen Vorspann immer noch die Original-Vorspannmusik und noch etwa 5 Minuten zur ursprünglichen Premierenversion. Es handelt sich in Moskau um das Negativ der sog. “2. Fassung”: Da man damals noch keine Dub-Negative in Farbe herstellen konnte, mussten von jeder Szene mindestens 3 kopierbare Takes im Kopierwerk abgeliefert werden, um davon dann mehrere Original-Negative herzustellen. Das erste Negativ wurde für die Premierenversionen verwendet. Hierfür kamen die am besten gelungenen Einstellungen und “echte” Überblendungen anstelle der leichter herstellbaren “Scheibenblenden” zum Einsatz. Die anderen Negative dienten für weitere, auch Auslandskopien. Da die Version von 2006 leider noch nicht auf DVD erschienen ist, sollte man auf TV-Ausstrahlungen dieses Filmes besonders achten.

Große Freiheit Nr. 7, der 8. Farbfilm, ist in sehr guter Qualität auf DVD erhältlich. Das Ausgangsmaterial war in sehr guter Verfassung, die Farben sind – bis auf eine Rolle – die wohl aus einer schlechteren Kopie stammte, sehr gut und zeigen, was Agfacolor leisten konnte. Auch der Ton ist hell und klar.

Der letzte auf DVD erhältliche Farbfilm ist Die Feldermaus, die zu Kriegsende zwar abgedreht, jedoch nicht geschnitten war. Dank der Cutterin Alice Ludwig, die die verschiedenen Filmrollen in mühevoller Kleinarbeit zusammensuchte, wurde der Film schließlich 1946 uraufgeführt. Lange Zeit in sehr schlechter Verfassung wurde der Film 1999 digital restauriert und auf DVD veröffentlicht. Über die Materialquellen sind mehrere Versionen in Umlauf: einmal, so heißt es, gäbe es zwei sehr gute Kopien, die verglichen und übereinander kopiert worden wären, zum anderen, daß in Moskau das Negativ neu umkopiert worden wäre. Wie auch immer, die Qualität ist sehr gut, nur der Ton auch diesmal zu sehr “entrauscht”.

Leider sind bis jetzt die anderen fertiggestellten Farbfilme – Das Bad auf der Tenne, Immensee, Opfergang, Das kleine Hofkonzert, Kolberg (der 1999 restauriert wurde), Wiener Mädeln und Ein toller Tag – nicht auf DVD erhältlich.

Bis Mitte der 90er Jahre gelangten deutsche Filmklassiker wie diese regelmäßig zur TV-Ausstrahlung. Der Generationswechsel der Programmredakteure hat jedoch zu einer kompletten Neustrukturierung der Programme geführt, woraus der völlige Verzicht auf Programmthemen wie Schauspieler- oder Regisseurportraits der deutschen Filmgeschichte resultiert. Seltene Ausnahmen findet man nur bei den Kultursendern 3Sat oder Arte.

Die für die Restaurierung und Veröffentlichung verantwortlichen Archive und Stiftungen sind zwar durch den im Grundgesetz verankerten Staatsvertrag zur Erhaltung der Kulturgüter dieses Landes verpflichtet, die Geldmittel indes fehlen, um all das Material, was sich noch, teils ungesichert und ungesichtet, in den Archiven befindet, aufzuarbeiten und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Immerhin wurde zum Ende der 90er Jahre ein Augenmerk auf die Vermarktung des Farbfilms durch die Medien geworfen und mit der Restaurierung einiger Farbfilme begonnen. So wurden mit großem Aufwand besonders Münchhausen und Die Fledermaus restauriert, da vor allem der erstgenannte bei Ausstrahlung und oftmaligem Kinoeinsatz in Programmkinos regelmäßig gute Zuschauerzahlen aufweist. Die mit am meisten gebuchte Kinokopie ist auch Opfergang, die in vielen relativ gut erhaltenen Kopien vorliegt, jedoch noch nicht in der kompletten Version. So sind die Filme Goldene Stadt, Immensee und Opfergang des verfemten Regisseurs Veit Harlan immer noch nicht restauriert worden, von einer würdigen DVD-Veröffentlichung ganz zu schweigen.

Kinoaushangfoto zum Film "Opfergang"

Kinoaushangfoto zum Film Opfergang

Das zu diesen und allen anderen Filmen publizierte Presse- und  Verleihmaterial ist nach Kinoeinsatz größtenteils vernichtet worden, bis auf Belegmaterial fürs Archiv, was jedoch meist auch schon lange nicht mehr existiert. Von besonderem Sammlerinteresse sind die farbig gedruckten Aushangfotos, von denen zu jedem Film zwischen 30 und 40 Stück erschienen. Heute ist es recht mühsam,  Fotos, Plakate oder Infomaterial über diesen oder jenen Film zu erhalten. Erste Infos lassen sich zwar auf diversen Internetseiten erhalten, von Quellenhinweisen zu dem Originalmaterial fehlen jedoch die Angaben. Meist ist man auf Filmmuseen oder das Bundesarchiv angewiesen, die sich durch ihre Organisationsstruktur jedoch häufig als schwierige Ansprechpartner erweisen. Bereits ein Duplikat eines Filmfotos oder eine Fotokopie eines Artikels ist oftmals nur schlecht bzw. mit hohem finanziellem Aufwand zu bewerkstelligen.

Aus diesem Grunde ist es umso erfreulicher, dass es meinen Co-Autoren und mir geglückt ist, einen großen deutschen Verlag an dem Thema deutscher Farbspielfilm” zu interessieren. Der Weg dorthin war allerdings mühsam: Von der Idee bis zur Realisierung vergingen knapp 10 Jahre. Erst durch die Beteiligung Friedemann Beyers, des ehemaligen Leiters der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, ist die Realisierung des Buches Ufa in Farbe” gelungen. Aus Platz- bzw. Layout-Gründen und da die Zeit für die Bildauswahl sehr knapp bemessen war, konnten leider nicht alle vorhandenen Materialien aufgenommen worden konnten. Für eine evtl. zweite Auflage wäre es wünschenswert, die noch fehlenden Aushangfotos komplett in das Buch aufzunehmen.

Der Verfasser ist selbst noch auf der Suche nach fehlenden Stücken und anderem seltenem Werbematerial und möchte an dieser Stelle einen Einblick in seine Sammlung gestatten. Wer weitere interessante Materialien besitzt und an einem Austausch interessiert ist, sei herzlich zur Kontaktaufnahme aufgefordert:

MAK1967 at gmx.de

[Bitte at durch @ ersetzen und Leerzeichen löschen.]

Einige Bildbeispiele aus der Sammlung des Verfassers:

Fritz Kampers und der Regisseur Karl Ritter bei den Dreharbeiten zu "Über alles in der Welt"

Fritz Kampers und der Regisseur Karl Ritter bei den Dreharbeiten zu …Über alles in der Welt (1941)

Dorothea Wiek in Kopf hoch, Johannes (1941, Viktor de Kowa)

Ferdinand Marian als Jud Süß (1940, Veit Harlan)

Marika Rökk und Wolf Albach-Retty

Marika Rökk und Wolf Albach-Retty in Tanz mit dem Kaiser (1941, Georg Jacoby)

Viktor Staal

Viktor Staal

Otto Gebühr als Der große König (1942, Veit Harlan)

Luise Ulrich als Annelie (1941, Josef von Baky)

Paul Hartmann als Bismarck (1941, Wolfgang Liebeneiner)

Heinrich George als Andreas Schlüter (1942, Herbert Maisch)

Hans Albers als Carl Peters (1941, Herbert Selpin)

Mady Rahl

Emil Jannings als Ohm Krüger (1941, Hans Steinhoff, Herbert Maisch)

Auf dieser Seite wird von Zeit zu Zeit immer wieder ein Artikel zu einem ausgewählten Spielfilm erscheinen, sodass Näheres über den Materialstand zu erfahren und zu sehen sein wird.

Bislang vorhanden:

Frauen sind doch bessere Diplomaten

Die goldene Stadt

Das Bad auf der Tenne

Münchhausen

© 2011

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